Run the Line – Das Erlebnis zählt… nicht das Ergebnis!

Run the Line – Das Erlebnis zählt… nicht das Ergebnis!

Nach einer unruhigen Nacht bin ich am Tag des Marathons gegen 04:50 Uhr im Gästehaus der Landesvertretung Baden-Würtemberg wach geworden. Noch einmal für etwa 20 Minuten unruhig hin- und hergewälzt und dann letztlich doch aufgestanden. Nervlich äußerst angespannt, war ich wahrscheinlich kaum auszuhalten und so ging es dann auch rüber in’s Hotel zum Frühstücken. Aus meiner Sicht sehr ordentlich gefrühstückt: Brötchen mit Marmelade, Honig und dazu etwas Obst… Lecker! Und schon ging es in Richtung Start-/ Zielbereich! Nachdem wir am Vortag bereits den Weg erkundet hatten, war ein Eingang schnell gefunden und schon musste ich mich von Sabrina verabschieden.

Nach den obligatorischen Sicherheitskontrollen habe ich dann auch ziemlich zügig das Team-Erdinger-Alkoholfrei-Mobil gefunden, wo ich mich dann mit den Berlinstartern der Racebooker getroffen habe. Eine  recht stattliche Truppe wie ich finde. Meinen Kleiderbeutel konnte ich dann problemlos beim Mobil abgeben und brauchte mir somit auch keine Gedanken darüber machen, wo meine Abgabestation ist und wie lange ich wohl brauche, um ihn wieder zu bekommen! Sehr bequem.

Mit einer gehörigen Portion Anspannung und Nervosität ging es dann mit Steffi, Petra, Tanja und Andreas in Richtung Startblock H.

H wie Helden

Im Startblock H fanden sich dann alle die Teilnehmer wieder, die entweder beim Marathon debütieren und/ oder eine entsprechend hohe Zielzeit angegeben haben. Die Stimmung war hervorragend und letztlich sind wir mit gut 15 Minuten Verspätung 35 Minuten nach der Elite auf die Strecke gegangen.

Und so viel Bammel ich auch vor dem Startschuss hatte, so begeistert war ich ab dem ersten Meter! Stimmung hoch 10! Die ersten 5 Kilometer mit Steffi, Andreas, Tanja und Petra vergingen wie im Flug. An der ersten Wasserstation verlor ich die Anderen leider aus den Augen und habe sie auch im Gewusel auch nicht adhoc wieder gefunden. Schade, aber ich war ja nicht alleine auf der Strecke. Immer wieder ergaben sich kurze Gespräche mit Läufern aus Großbritannien, Dänemark, USA, Schweden und natürlich Deutschland. Krass… Eine tolle Erfahrung muss ich sagen. Die Strecke selbst fand ich durchaus angenehm. Bei bestem Wetter, nicht zu warm, nicht zu kalt, trocken und Sonnenschein waren die Zuschauer einfach phänomenal. Kaum einmal 100m der Strecke, an denen ich mal niemanden hab‘ stehen sehen. Alles gut besucht und immer darauf bedacht, die Läufer anzufeuern. Und das auch noch mit Auge: vielfach konnte ich beobachten, dass gerade die Läufer massiv angefeuert wurden, die gerade ein wenig „schwächelten“. Großartig. Über die Bandbreite an Musikgruppen an der Strecke könnte sich wohl auch niemand beschweren: von Jazz über Spielmannszüge und Drum’n’Bass-DJs bis hin zu den fast obligatorischen Sambatrommlern war alles dabei. Am krassesten habe ich dabei die Sambatruppe in der Unterführung Innsbrucker Platz empfunden. Da sind mir fast die Ohren weggeflogen. Kurz danach bin ich dann auch am ‚berühmten‘ Partybalkon der Studenten-WG vorbeigekommen. Klasse, wie das Publikum überall mitgegangen ist. Eine Klasse für sich!

Aber zurück zum Lauf: Ich habe sehr konsequent versucht, meine Pace  bei 06:45/km zu halten, in der Regel marginal schneller, um an den Getränke-/ Verpflegungsstationen im Gehen essen und trinken zu können, ohne zu viel Zeit zu verlieren. Das hat auch super geklappt, so dass die Kilometer bis zur HM-Marke förmlich an mir vorbeiflogen. Anfangs habe ich auch noch versucht einiges zu fotografieren, dann ist mir aber der Handy-Akkustand doch zu schnell runter gegangen und ich wollte nicht riskieren, dass ich dann im Ziel nicht mehr Kontakt zu Sabrina aufnehmen kann, um eine Familienzusammenführung zu organisieren.

Emotion pur…

Bei Kilometer 22/23 würde ich dann auch tatsächlich von Sabrina erwartet, die mich anfeuernd direkt weiterjagte, obwohl ich sie doch in den Arm nehmen wollte… ‚Du siehst noch richtig frisch aus‘ war ihr Kommentar und so fühlte ich mich auch!

Auf der Strecke erlebte ich einen emotionalen Schub nach dem anderen: Familien und Freunde die Läufer anfeuerten, Kinder die die Mamas und Papas erst wenige Meter vor sich erkannten und dann strahlten, wenn Sie im Vorbeilaufen noch ein Küsschen bekamen. Es gibt Musikstück, die mich immer wieder an den Lauf erinnern werden… Oder eine Fantruppe, die alle 5-7km am Straßenrand standen und immer wieder dasselbe Plakat mit dem identischen Rechtschreibfehler hochhielten, der einfach durchgestrichen und verbessert wurde. Der Feruerwehrmann in voller Montur, mit dem ich mich über einen Kilometer lang unterhalten habe… Der Schwede, der klang wie ein Schweizer. Die Freundlichkeit der Hundertschaften von Verpflegungspostenbetreuern, die auch immer ein Lächeln im Gesicht hatten und das eine oder andere freundliche Wort übrig hatten (nicht so wie in Bremen: Hätteste besser trainiert, müsstest Du jetzt nicht gehen)… Eine irre Erfahrung und jetzt, wo ich dies alles schreibe, kommen diese positiven Emotionen einfach durch und ich fühle mich sehr glücklich!

Das beste war: keine Spur vom Hammermann, natürlich eine war eine entsprechende Anstrengung spürbar, aber es lief wie von selbst und bis Kilometer 35 habe ich gedacht: man reiche mir einen Meldezettel für nächstes Jahr – koste es was es wolle, da bin ich dabei, das ist prima!

Der Absturz

Ab Kilometer 35 empfand ich es dann schon als anstrengend, aber ich war sicher, den Lauf in der geplanten Zielzeit von 04:45:00 finishen zu können. Es lief gut und machte weiterhin Spaß! Bis meine Uhr den Kilometer 39 anzeigte. Geradezu begeistert wollte ich mich in die letzten 2 Kilometer stürzen!

Und dann stand am Straßenrand das Schild: KILOMETER 38!!!!!!  Das ist der Fluch wenn man auf einer Rechtskurven-lastigen Strecke immer schön links läuft. Das traf mich wie eine Bombe. Und damit auch der Beweis: Marathon ist Kopfsache… Zumindest die letzen Kilometer. Während ich zwei Minuten vorher noch der Meinung war zu einem Sturm auf’s Brandenburger Tor anzublasen, ging es mir von jetzt auf gleich so richtig dreckig. An Weiterlaufen war nicht zu denken! Die erste richtige Gehpause bei ca. KM38,5. Aber schon nach wenigen Schritten sind meine Oberschenkel quasi explodiert. Stehenbleiben war keine Option, also langsam wieder angelaufen, worauf der Rücken aufschrie…. Dann wieder gehen… So habe ich mich dann im Wechsel laufend und gehend gute 2 km weiterbewegt. Immer mit der Wahl zwischen Pest und Cholera! Wahnsinn, was der Kopf mit einem so veranstaltet…

Und dann bin ich aus einer Seitenstraße in die Straße „Unter den Linden“ abgebogen und ich sah zum ersten Mal über den beiden echt blöd (aus Sponsorensicht optimal) platzierten Erdinger-Bögen die Quadriga aufblitzen und das Brandenburger Tor war in greifbarer Nähe. Noch zwei Geh-Laufwechsel … Dann durch das Brandenburger Tor! Natürlich laufend! Die Option da durch zu gehen, kam mir gar nicht in den Sinn! Direkt nach dem Tor, blieben einige Mitläufer tatsächlich stehen um zu jubeln, bis Zuschauer Ihnen klar machten, dass das Ziel noch ein paar 100m weiter steht… DRAMA! Als ich dann den blauen Teppich des Zielbereiches erreichte, war ich einfach nur glücklich…

Die Überraschung

Noch während ich die Medaille in Empfang nahm, habe ich mein Handy wiederbelebt, um Sabrina mitzuteilen, dass ich heile angekommen bin. Da erreichte mich eine What’sApp-Nachricht, dass sie direkt hinter der Medaillen-Ausgabe im Zielbereich steht und mit einem Getränk auf mich wartet. Sie hat es tatsächlich als Zuschauerin in den geschlossenen Bereich geschafft und mich empfangen… Sensationell!!

Parallel sprach mich von hinten Petra an: „Wann hast Du mich denn überholt?“… Keine Ahnung, ich habe es nicht mitbekommen. Aber so sind wir dann zu dritt zurück in Richtung Team Erdinger Alkoholfrei Mobil, wo ich dann auch Andreas wieder traf, der ein paar Minuten nach mir ins Ziel kam und aussah, als wäre er gerade einmal eine Runde um den Block gelaufen…

Nach ca. 30 Minuten sind wir dann aufgebrochen, um zurück zur Unterkunft zu „gehen“. Nur um festzustellen, dass der kürzeste Weg noch immer gesperrt war. An dem Ausgang, den wir dann nehmen mussten, stand zufällig ein Rickscha-Taxi. Ich wollte schon immer mal mit so einem Teil fahren und nun kam es echt wie gerufen. Eine sinnvollere und befriedigendere Investition als diese €17,00 habe ich das ganze Wochenende nicht getätigt. Zu Fuß wäre ich nicht mehr im Gästehaus der Landesvertretung angekommen!

Nach einer ausgiebigen Dusche mussten wir dann auch aufbrechen in Richtung Heimat…

Mir bleibt in der Rückschau leider nur ein Fazit zu diesem Marathon-Wochenende: LEIDER GEIL!

Ich darf es auch nicht versäumen, mich zu bedanken. Mich zu bedanken bei Sabrina für die unendliche Geduld während der Vorbereitung, aber auch insbesondere direkt vor dem Lauf – ich war ein Nervenwrack- und bei Andreas, der direkt vor dem Start mit seiner Routine und Ruhe dazu beigetragen hat, dass ich es überhaupt über die Startlinie geschafft habe… Vielen Dank!  Final wird es Dinge geben, die mich wohl immer an meinen ersten Berlin-Marathon erinnern werden. Ich werde niemals wieder Sirius vom Alan Parsons Project hören können, ohne an Berlin zu denken!

Nachdem ich gestern Abend eine erste Streakerhaltungsmindestdistanz relativ unproblematisch laufen konnte, bin ich heute dann auch meine Haus- und Hof-Runde über 5km problemlos gelaufen. Wenn es so weitergeht mit der Erholung und dem Rückgang des Muskelkaters, kann der nächste Sonntag kommen: Eskorte bei Sabrina’s Halbmarathon-Debüt – der wichtigste Lauf des Jahres! Es wird weh tun – also mir!

Bilder der Veranstaltung werde ich in einem separaten Post nachreichen… 😉 Ach ja: 04:54:50 habe ich für die 42,195km gebraucht… 3 Minuten langsamer als bei meinem Debüt in Bremen, dafür aber mit wesentlich mehr Spaß!

PS: Andreas berichtet hier über seinen Lauf und Toni hat seinen Sturmlauf zum Berlin-Marathon-Double hier dokumentiert. Links zu weiteren Berichten sind in den Kommentaren herzlich willkommen!

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Titelbild ‚I♥️Berlin‘ ©Klaus Niklas

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MichaelEvySönkeClaudi Letzte Kommentartoren
Claudi
Gast
Claudi

Hey!
Ich habe Deinen Blog über den Link beim 4. Blogger Kommentiertag Deutschland gefunden! Ich schaue bestimmt jetzt öfter mal vorbei. 🙂
Herzlichen Glückwunsch zum Finish beim Berlin Marathon und gute Erholung!
Viele Grüße,
Claudi

Sönke
Gast
Sönke

Moin und Glückwunsch!
Ein sehr schöner Bericht. Ich sehe da viele parallelen zu meinem Debüt in Hamburg dieses Jahr.
Einen klasse Blog haste hier, nicht so’n Gestümpe wie meiner 😀

Bleib gesund und weiter viel Spaß am/beim Laufen
Gruß Running Sönke

Evy
Gast
Evy

Ich wusste gar nicht, dass man sich während eines Marthons unterhalten kann 🙂

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